Sonntag, 19. März 2017

Reg Dich ab!



Was gibt’s heute zum Essen? Ich weiß es selbst noch nicht, antworte aber trotzdem, indem ich laut denke. Ich sprühe einige Ideen in den Raum, höre mir die Wünsche meiner Tochter an und muss feststellen, dass es zu diesem Zeitpunkt noch keine Entscheidung geben kann. Ich muss erst noch nachdenken, gebe aber leider trotzdem unüberlegt eine Antwort. Ein Fehler.

Nach einiger Zeit der Diskussion mit meiner Tochter, taucht wie aus dem Nichts plötzlich ein Wutanfall auf. Innerlich kocht alles, das Blut ist in Wallung, aus einem Gespräch wird pure Schreierei und die Diskussion hört trotzdem nicht auf. Dabei will ich doch einfach nur meine Gedanken äußern. Warum regt mich das so sehr auf? Ich sehe mich selbst verständnislos an. Wie konnte mir das passieren? Da der Streit nicht zu überhören ist, mischt sich zu allem Überfluss auch noch mein Mann ein, mit dem ich ebenfalls heftigen Streit anfange.



Dabei wollte ich doch nur eins: Verständnis. Verständnis für meine Unentschlossenheit, Verständnis für meine Gedankengänge, Verständnis für meine Entscheidungsschwierigkeiten und vielleicht das Finden einer gemeinsamen Lösung.

Stattdessen: Schreierei. Mein Mann beendet diese sinnlose Situation mit einem abwertenden: „Reg – Dich – ab!“ Das ist so erniedrigend. Ich kann mich nicht beruhigen und ich will auch nicht. Ich will wütend sein und verdammt nochmal Verständnis. Tränen laufen mir aus den Augen, mein Ausatmen gelingt nur stoßartig und ist von Atemanhalten unterbrochen. An Einatmen ist gar nicht zu denken.

 

Den Beobachter aktivieren


Ich versuche, die Situation zu begreifen. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich mittendrin stecke in der Identifikation mit dem Erlebten. Ich bin Teil davon. Deshalb kann ich mich auch nicht abregen und davon lösen. Ich bin so aufgebracht, dass ich mich selbst nicht mehr unter Kontrolle habe. Ich will mich auch gar nicht beruhigen, ich will weiter heulen, und irgendetwas hält mich in diesem Zustand gefangen, obwohl ich ihn nichts lieber als loswerden möchte. Ja, ich will mich abregen, aber mein Geist ist in diesem Aufgeregtsein gefangen.

Aber: sobald ich versuche, mich bewusst zu beruhigen, erinnere ich mich an mein Erwachen und die damit verbundene Sicht von außen. Augenblicklich erlebe ich wieder diesen PAB-Moment. Ok, das bist nicht du, schießt es mir durch den Kopf. Und tatsächlich: die Wolke, die gerade noch kurz vor der Entladung durch Blitze stand, lichtet sich bereits und mein Innenleben verändert sich.




kästchenbild aufregung gefühle aggression
Kästchenbilder Reg dich ab
 

 


Die Ruhe hinter der Wut


Ich bin plötzlich nicht mehr Teil dieser Gefangenschaft, sondern wieder der beobachtende Geist, der erkennt: Ich bin gerade genervt und verärgert. Ich will das zwar nicht sein, aber ich bin es nun mal. Eigentlich will ich, dass die anderen sauer sind und nicht ich. Eigentlich will ich, dass niemand sauer ist. Doch ich bin es, stinksauer. Jetzt bin ich es aber bewusst und spüre in mich hinein. Wie fühlt sich dieses Gefühl an? Warum ist es schlecht? Ist es überhaupt schlecht? Und ich merke, wie sich die Situation verändert. Obwohl ich wütend und trotzig bin, empfinde ich dennoch Ruhe in mir drin. Und mir wird klar, dass ich nur einen kurzen Moment unaufmerksam war und deshalb nicht gemerkt habe, wie sich mein Verstand und Gemüt verselbständigt haben und ich in diese Identifikation mit der Wut geraten konnte. Doch sobald ich wieder bewusst in das Jetzt, in diesen Augenblick zurückgekehrt bin, wich die Wut dem inneren Frieden. Und das, obwohl sie noch da war.

 

Reg Dich ab und kehre ins Jetzt zurück


Der scharfe Ton und die verbrennenden Worte meines Mannes, dieses „Reg – Dich – ab!“ bekam aus der Perspektive des achtsamen Augenblicks eine völlig neue Qualität und enthielt einfach nur den Hinweis: Komm zu dir selbst zurück, nimm dich selbst wahr und alles löst sich auf. Übers Essen können wir auch später noch reden. Sobald ich wieder im Jetzt verankert war, hatte die Aufforderung nichts Bedrohliches mehr an sich. Sie war kein weiteres Salz in der Wunde, ich nahm sie nicht mehr persönlich. Das Jetzt wieder zu spüren und in die Rolle des Beobachters zu schlüpfen, ist so heilsam, dass es schon fast ärgerlich ist, überhaupt in eine solche Situation geraten zu sein. Doch mit etwas Abstand lässt sich der Streit gut analysieren und vielleicht beim nächsten Mal vermeiden. Denn mein Fehler war bloß, unüberlegt laut zu denken und dadurch diese Lawine loszutreten. Ich nehme mir einfach vor, noch bewusster zu werden, damit ich eine solche Situation nächsten Mal vermeiden kann oder früher aussteigen kann, damit die Gefühle nicht erst so hochkochen.




 
   

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