Sonntag, 2. April 2017

Annehmen, was ist – aber wie?



Das zu akzeptieren, was uns im Leben begegnet, ist manchmal ganz schön schwer, vor allem, wenn wir in einer Situation sehr leiden. Aber auch Freude und Euphorie einfach nur so anzunehmen wie sie sind, fällt nicht immer leicht, weil wir sie länger festhalten wollen als sie manchmal andauern. In beiden Fällen zieht es uns weg von der Gegenwart, entweder in die Vergangenheit mit ihren wundervollen Erinnerungen oder in die Zukunft mit ihren Hoffnungen und Träumen. Doch alles, was wir letztendlich haben und wahrnehmen, spielt sich – Jetzt - ab. Deshalb ist es wichtig, das anzunehmen, was IST, egal ob Freud oder Leid.  


Kästchen bilder annehmen, was ist
Kästchenbild Annehmen, was ist – aber wie?
 


 



Vor dem Annehmen kommt das Wahrnehmen


Bevor wir etwas als uns zugehörig annehmen können, müssen wir alles erst einmal wahrnehmen. Alles, was um uns herum auftaucht oder passiert, muss zunächst den Weg in unser Bewusstsein finden, egal ob es sich um eine nervtötende Sirene handelt oder einen beschwingenden Ohrwurm, egal, ob wir Hitze oder Kälte spüren, Nähe oder Entfremdung, einen gerade durchgebrochenen Krokus sehen oder eine eklige Spinne. Jede Sinneswahrnehmung muss uns erst einmal bewusst werden, ebenso jedes Gefühl, jede Lebenssituation und jedes Problem, jeder Traum und jedes Ziel, auch jede Erinnerung. Andernfalls leben wir neben uns her und fragen uns, warum wir uns immer so unzufrieden fühlen.


Wenn wir bewusst wahrnehmen, was um uns herum passiert, dann sind wir aufmerksam und spüren, ob uns etwas gut oder schlecht tut. Und je nachdem, welche Stimmungslage gerade vorherrscht, können wir uns überlegen, ob wir das Gefühl festhalten oder loslassen wollen. Aber egal, wofür wir uns letztendlich entscheiden, vor dem Festhalten und Loslassen kommt immer das Annehmen dessen, was gerade ist.


Wie kann Annehmen gelingen?


Zunächst sollten wir unterscheiden, was es anzunehmen gilt. Positive Ereignisse und Gefühle lassen sich leichter akzeptieren und annehmen als schlechte Situationen, deshalb beginnen wir doch damit.


Positive Seiten annehmen


Wenn wir uns gut fühlen, dann gelingt es uns leicht, uns mit diesem Lebensgefühl zu identifizieren. Wir wiederholen gerne, was uns in der Vergangenheit glücklich gemacht hat, sei es ein bestimmtes Urlaubsziel nochmals zu besuchen, eine Verabredung zu wiederholen, eine Freundschaft aufrecht zu erhalten oder ein gutes Essen zu kochen, das uns so gut geschmeckt hat.

Um aber eben diese schönen Seiten des Lebens genießen und wiederholen zu können, müssen wir das, was wir erlebt haben, auch als positiv empfinden und in der Lage sein, das Gefühl zu behalten und auf andere Situationen zu übertragen.

Daher ist es wichtig, gerade auch gute Gefühle im Jetzt ganz bewusst wahrzunehmen und alles, was damit in Verbindung steht, anzunehmen: Körperempfindung, Gesehenes und Gehörtes, Erfühltes oder Erdachtes, Gerüche und Geschmack, aber auch Begeisterung und Träume, Lachen, Geselligkeit, Musik, Schönheit, Offenheit, Dankbarkeit, Motivation oder Leidenschaft. Es gibt so viele Ausdrücke des Glücks, dass wir sie manchmal fast vergessen, wenn sie von nur einem schlechten Gefühl überschattet werden.

Aber: wir müssen wirklich annehmen, was wir jetzt gerade empfinden. Wer sich nur in Erinnerungen oder Zukunftshoffnungen bewegt, der driftet weg vom Jetzt.  Tagträume können sich zwar auch gut anfühlen, nehmen aber nicht das an, was ist, sondern ziehen uns weg von der Gegenwart. Selbst Vorfreude kann uns von uns selbst entfernen, weil sie uns in Eile versetzt.


Schlechte Seiten akzeptieren


Schwieriger wird es, wenn wir wahrnehmen sollen, was wir eigentlich gar nicht haben wollen. Wut, Trauer, Schmerzen, Ärger oder gar anhaltenden Frust, Hass, Angst oder Streit. Wenn wir wütend sind, dann merken wir, wie sich in uns der innere Kritiker regt. Wir denken, es sei ein schlechtes Gefühl und darf nicht ausgelebt werden. Deshalb versuchen wir, es sofort zu unterdrücken. Wir wollen es nicht haben.

Genauso verhält es sich mit Schmerz. Wenn wir Migräne haben, dann versuchen wir sofort, etwas dagegen zu unternehmen, wir schlucken eine Tablette oder legen uns hin und warten bis es endlich vorbei geht. Bei körperlichen Gebrechen können wir meist noch mit Medikamenten gegensteuern und werden das Schlechte schnell wieder los.

Anders verhält es sich mit Gefühlen wie Angst oder Trauer. Gefühle bleiben. Und trotzdem können wir uns selbst beobachten und sehen, was sie mit uns machen. Angst hält uns davon ab, etwas Neues zu probieren oder ein bestimmtes Reiseziel zu besuchen. Ärger hält uns ab, nach einer Lösung zu suchen.

Besonders schwierig zu akzeptieren sind Lebensentwürfe, die nicht mehr passen oder Situationen und Probleme, die scheinbar keine Lösung haben. Mir fällt dazu die Debatte um Regrettingmotherhood ein. Dabei geht es um Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen. Eine Frau hat sich für Kinder entschieden, nimmt ihre Verantwortung an, ist aber dennoch unzufrieden mit ihrer Entscheidung, gleichzeitig aber nicht in der Lage, eine neue gegenteilige Entscheidung zu fällen, weil sie es nicht übers Herz bringt, ihre Kinder im Stich zu lassen. Das ist für mich einfach ein Bespiel, dass diese Frauen nicht in der Lage sind, einfach anzunehmen, was nun mal ist.

Wenn eine Mutter annimmt, dass sie Mutter ist, egal, ob es ihr damit gut oder schlecht geht, dann wäre der Begriff Regrettingmotherhood hinfällig, weil die Reue dann buchstäblich Vergangenheit wäre. Wenn wir eine Entscheidung bereuen, dann leben wir entweder in der Vergangenheit, weil früher alles besser war und wir es hätten dabei belassen sollen. Oder wir leben in der Zukunft und wollen uns herausdenken aus dieser misslichen aktuellen Lage. Beides zieht uns weg vom Jetzt und hält uns in unseren schlechten Gefühlen gefangen. Und zwar genau so lange, bis wir bereit sind, sie anzunehmen. Erst dann kann sich etwas ändern.


Wie nun annehmen?


Alles, was wir erleben hat genau die richtige Zeit und den richtigen Platz. Es hat einen Sinn. Schmerzen sollen uns daran hindern, uns körperlich mehr zuzutrauen als wir in der Lage sind zu geben. Freude soll uns helfen, mehr Gutes zu tun und anderen zu helfen, Trauer hilft uns, uns auf das Wesentliche zurückzubesinnen und Wut oder Ärger helfen uns, aus dem auszubrechen, was wir nicht haben wollen. Deshalb sind alle Gefühle etwas wert. Nur, weil sich Ärger, Angst und schlechte Laune nicht gut anfühlen, heißt das nicht, dass sie nicht gut für uns sind. Deshalb: nehmen wir sie an. Aber wie soll das gehen?


Wege des Annehmens


1.    Körperempfindungen wahrnehmen  


Das ist eine gute Möglichkeit, sich mit schlechten Gefühlen vertraut zu machen und sie einfach so zu nehmen wie sie sind, ohne Bewertung oder Beurteilung.  

Was regt sich im Kopf, auf der Haut und im Gesicht? Wird es warm oder kalt? Gänsehaut? Wie verändert sich mein Puls oder die Atmung? Kribbelt es in den Fingerspitzen? Schnürt sich die Kehle zu? Klopfen wir mit den Nägeln auf der Tischplatte oder kauen wir gar daran? Wackeln wir mit den Fußspitzen? Zittern die Beine?


2.    Den Beobachter aktivieren 


Diese Möglichkeit ist nicht ganz so leicht, bringt aber gute Ergebnisse. Wer in der Lage ist, sich selbst zu beobachten, der kann die Situation besser erfassen, wie sie nun mal ist.

Sich zu beobachten kann gelingen, indem man versucht, zu erkennen, was wir tun, um ein Gefühl loszuwerden. Suchen wir uns ein Buch, das uns ablenkt von unseren Gefühlen? Oder versinken wir in Arbeit, Fernsehen oder äußeren Aktivitäten und Genüssen? Essen wir vielleicht? Ablenkung funktioniert zwar, lässt uns aber das Gefühl nicht wirklich annehmen. Dennoch ist sie ein gutes Indiz dafür, dass wir etwas überspielen. Wer also erkennt, dass er sich selbst ablenkt, beobachtet seine Situation besser und kann dann auch eher akzeptieren, was ihn belastet.


3.    Nur eine Zeitlang damit leben 


Wir alle kennen die Sprüche unserer Eltern: „Du bist nur einmal Jung – genieß es!“ oder „Du weißt gar nicht, wie gut du es hast, ein Kind zu sein.“

Und trotzdem haben wir uns als Kinder nichts sehnlicher gewünscht als endlich erwachsen zu werden, um tun und lassen zu können, was wir wollen. Und dann, wenn wir endlich erwachsen sind, dann ist es auch nicht besser und so mancher von uns wünschte, er könnte nochmal Kind sein.

Diejenigen, die bereits als Kind gefühlt haben, wie es sich anfühlt ein Kind zu sein, die genießen auch ihr Erwachsenenleben. Und genauso verhält es sich mit unserem heutigen Leben. Auch wenn es scheinbar nichts gibt, was irgendwie positiv zu sein scheint, es gibt trotzdem etwas lebens- und lernenswertes in jeder Situation, wir müssen es nur finden wollen. Also fühlen wir eine Zeitlang unseren Job intensiv, dann ist er vielleicht doch gar nicht so schlecht. Wenn wir den jetzigen Job gewissenhaft erledigen, dann wird der neue Job sicher noch besser. Wir müssen es nur wollen und ausprobieren und den ersten Schritt machen.


4.    In kaltem Wasser baden

Nichts ist effektiver als der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Versuchen wir das doch mal in Echt. Lassen wir eine Badewanne voll eisiges Wasser, am besten an einem wirklich heißen Sommertag. Wir hüpfen natürlich nicht sofort mit dem ganzen Körper hinein, sondern prüfen zunächst vorsichtig mit dem großen Onkel, ob es uns nicht zu kalt ist. Dann kommt der ganze Fuß und schließlich, nach einiger Überwindung, liegen wir, wenn vielleicht nur ganz kurz, in der eisigen Wanne. Kommen wir dann raus, fühlen wir uns trotz Kälte und Abschreckung gut und erfüllt. Wir haben das geschafft. Wow. Da haben wir etwas zu erzählen, das glaubt uns kein Mensch. „Ich muss verrückt sein“, denken wir von uns selber. Probieren wir das einfach mal aus, lässt sich das Gefühl vielleicht auch übertragen auf unsere Lebenssituation und wir können Annehmen, was ist und unseren Blickwinkel verändern.  


Nur, wenn wir annehmen, was wir haben, können wir etwas verändern. Alles andere täuscht uns nur selbst. Ohne Annahme kann keine wirkliche Veränderung stattfinden. Es ist als würden wir an einem Gummiband hängen, und egal in welche Richtung wir laufen, immer wieder zurückgezogen werden an den Ausgangspunkt, solange, bis wir endlich kapiert haben, dass wir das Seil an einem anderen Haken befestigen müssen oder ganz entfernen sollten. Nur, wer die Ursache kennt, kann neue Wirkungen erzeugen. Nur wer annimmt, kann Altes Loslassen und Neues bewirken.



           























Wunschmeditation


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